Waren und sind unsere Augen während der letzten 15 Monate auf die Helden der Krise, also die Frontline-Berufe wie Pflegepersonal, Ärzte, Handel usw. gerichtet, wurden andere häufig vergessen. Es sind diejenigen "Büromenschen", die nicht Anwesenheitspflicht hatten, sondern sich zu Hause im Homeoffice einrichten. Vor Covid hatte für viele Firmenchefs, gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen, das Homeoffice eher etwas von "naja, wenn's sein muss". Das hat sich schlagartig und unfreiwillig geändert und die Firmen haben sehr schnell verstanden, dass Homeoffice funktioniert, also zumindest die Installation desselben. Zu wenig gefragt wurde, ob die Mitarbeiter das auch hinbekommen. Mit Kita- und Schulschließungen wurde es häufig eng zu Hause. Die Belastung, Beruf im Homeoffice, Kinder, Haushalt, vielleicht Erkrankung trafen doch viele Arbeitnehmer völlig unvorbereitet. Hinzu kamen Vereinsamung, gepaart mit "Phantomschmerzen" durch nicht mehr mögliche physische Präsenz und Austausch im Unternehmen. Ohne das gewohnte ständige und tägliche Abklären der Aufgaben, Absicherung durch Rückkoppelung auch in der Teeküche, Erfahren von Stimmungen und Erkennen von Richtungen durch den Flurfunk fühlen sich viele Arbeitsnehmer und Führungskräfte sehr isoliert. Quasi abgeschnitten stochern viele im Nebel "einsam und verlassen" vor sich hin.

Virtuell wurde aufgerüstet und gegengesteuert. Videoschalten wurden schnell eingerichtet und werden gerne wie Präsenzmeetings geführt ohne Rücksicht auf die persönlichen Umstände. Man tauscht sich ausschließlich über das Wesentliche aus und ist auf sachliche Inhalte konzentriert. Weil man sein Gegenüber nur am Bildschirm als Gesicht wahrnimmt und die anderen Reaktionen gar nicht lesen kann, wird es schwerer, Rückkoppelung und Bestätigung zu bekommen. Die Befindlichkeiten der Mitarbeiter und des Teams werden häufig nicht mehr gesehen, gespürt und erkannt. Im Gegenteil, die Belastung durch die Verlagerung ins heimische Arbeitsumfeld nimmt mit gewonnener Routine noch zu. Videoschalten werden wie selbstverständlich angesetzt ohne Rücksicht und häufig nach der sonst üblichen Arbeitszeit. Die Verschiebung des normalen Maßes führt gerade bei Leistungsträgern und insbesondere Mitarbeitern mit großer Identifikation zu ständigem Druck und schlechtem Gewissen. "Arbeite ich genug, sieht das auch mein Kollege, nimmt mein Chef meine Leistung wahr?" All dies führt zu Maßlosigkeit von beiden Seiten, d. h. von der Erwartung des Vorgesetzten aus, auch weil ja in der Krise "jeder alles geben muss", bis zu den Mitarbeitern, die häufig meinen, alles in einen Tag packen zu müssen, was sie vor Covid vielleicht an drei zu erledigen hatten. Vorgesetzte, die es nicht vermögen gerade jetzt in der virtuellen Zeit soziale Interaktion zu erzeugen mit Empathie und Sozialkompetenz verschärfen die Situation, die aufgrund der multiplen Belastung leicht zur psychischen Erschöpfung führt. Wenn noch Druck von anderer Seite dazukommt und keine Anerkennung der Situation und Leistung der Mitarbeiter und Führungskräfte, ist das Tor zum Burnout weit offen.

Und nun? Was kann man tun? Die Antwort lautet: Eigentlich nichts Außergewöhnliches. Wichtig ist lediglich die Erkenntnis: Menschen arbeiten für Menschen! Sowohl Mitarbeiter wie Führungskräfte haben häufig die gleichen Probleme, ob durch Familie, Beruf oder sonstige Umstände. Wenn Führungskräfte und auch Chefs sich nur als Funktionsträger verstehen, die Druck aufbauen oder weitergeben ohne sich auch als Menschen zu zeigen und zu verhalten, wird es eng.

Ich sage meinen Klienten auf Geschäftsführungsebene und den Führungskräften: Zeigen Sie Ihre Befindlichkeit, Verletzlichkeit!

Zeigen Sie, dass manches Sie auch überfordert, Sie nicht auf alles eine Antwort haben, dass Sie manchmal Angst haben, dass Sie auch nur ein Mensch sind. Führungskräfte sollen authentisch sein, es fällt aber schwer. Verletzlichkeit, Schwäche zeigen zu dürfen, kommt selten vor im deutschen Managerleben. Dies aber ist notwendig. Gerade und besonders jetzt ist Empathie der Schlüssel zu den Herzen der Mitarbeiter. Glaubwürdigkeit fängt "oben" an. Wenn der CEO, Gesellschafter oder Geschäftsführer nicht diese Ehrlichkeit vorlebt, kann Schaden entstehen und sich verstärken durch Überforderung der Menschen in einer sich zur Digitalisierung hin wandelnden Arbeitskultur und -welt. Coachingangebote, Moderation, persönliche Gespräche, die Weiterentwicklung oder Auswahl der richtigen Führungskräfte mit dem beschriebenen Fokus sind die notwendige Begleitung hin zu einer veränderten Unternehmenskultur. Wenn dies Unternehmensführung und Personalchefs nicht sehen, sind sie auf dem "falschen Dampfer" und werden über kurz oder lang Leistungskraft und ihre guten Leute verlieren. Kein Personalchef sollte sich davor drücken, genau auf diese Themen einzuwirken, sonst verspielt die Abteilung Human Resources die Chance, das zu schützen und zu erhalten, was so entscheidend ist: die Human Resources.

Viele Mitarbeiter und Führungskräfte stellen sich jetzt nach über einem Jahr im Homeoffice die Frage nach dem Sinn. Wir stellen fest, dass damit die Karriere mehr in den Hintergrund gerät nach persönlichem Wohlbefinden, Familie und Freizeit. Leben hat durch Covid einen neuen Stellenwert bekommen. Unternehmen, die sich zukunftsorientiert aufstellen wollen, müssen sich dem stellen.

Dabei ist ein Teil der Lösung ganz einfach und doch so schwer: Ehrlich sein und Mensch bleiben.